Statement Oded Ronen, Tel Aviv im Oktober 2023

 

Dies sind die dunkelsten Tage in der Geschichte Israels.

 

 Familien, die ihr normales Leben führten, wurden in Stücke gerissen.  Es gab einige Dörfer, die intakt blieben, Menschen, die dem Festival entkommen waren.  Sie waren die Glücklichen.

 Niemand weiß, warum sie überlebt haben, warum Gott, das Glück oder der Zufall sie ausgewählt haben.

 

 Dann waren da noch die Familien, die völlig ausgelöscht wurden.

 Keine Spur für die Zukunft.

Das Ende einer Welt.

 

 Dann sind es diejenigen, die „nur“ ein Mitglied verloren haben.  Werden sie als glücklich angesehen?

 Wer kann es sagen?

 

Die Welt hier ist schließlich, nach allem, eine neue dunkle Welt, nicht die gleiche, wie vor zwei Wochen.

 

 Gilt das Kind, das miterleben musste, wie seine ganze Familie ermordet wurde, aber überlebte, als Glückspilz?

 

 Das sind Fragen, die man vor 80 Jahren besser stellen sollte.

 Wir dachten, wir wären darüber hinaus.

 

 Wir sind ein kleines Land.  Die Zahlen sind endlos.  Jeder kennt jemanden.

 Trauer ist überall.

 

 Die Zahl der Opfer war zu groß, als dass das Land sie bewältigen könnte.

 

Die Zivilisten mussten einen war-room, also eine Art Kriegs-büro eröffnen, um der Armee zu helfen zu erfassen, wie viele Tausende es gab, wie viele Verletzte, Entführte, Gerettete und Ermordete.  Tausende Menschen engagieren sich von morgens bis abends ehrenamtlich, um den Familien Gewissheit zu verschaffen und sicherzustellen, dass alle Geiseln bekannt sind.

 

 Seit 11 Tagen leite ich die Einheit für schwer zu entschlüsselnde Sonderfälle.  Es waren 30 Freiwillige bei mir.  Großzügige Leute.  Scharfsinnig und großherzig.  Während der Schichten brachen Menschen zusammen.  Ich auch.  Während einer Schicht erfuhren die Menschen vom Tod ihrer Freunde und arbeiteten weiter.  Einige gingen zu Beerdigungen und kehrten zur Arbeit zurück.  Die anstehende Aufgabe ist wichtiger als Tränen, da es um das Leben von Menschen und geliebten Menschen geht.

 

 Es ist die dunkelste Stunde Israels und gleichzeitig auch die hoffnungsvollste Stunde Israels.

 

 Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich die Nation erholt.

 

 Aber wir werden uns daran erinnern, dass die Zivilisten im Moment der Wahrheit gemeinsam aufstanden.

 

 Wir wissen nicht, zu wem sich dieses Kind, das überlebt hat, entwickeln wird.

 

 Vielleicht wird er etwas tun, das Israel verändert oder einen großen Unterschied in der Welt macht.

 

 Wir sind hoffnungsvoll.

 

 Danke für Ihre Unterstützung.

 Wir spüren Sie bis hier her. 

Oded Ronen


Statement Oded Ronen, Tel Aviv im April 2024

 

Wir sind im Vermisstenzentrum

 

Der Versuch, aus den Tausenden von Namen herauszufinden, wer lebt, tot, entführt oder verletzt ist.

 

An Tag 3 bekommen wir eine Aufgabe - herauszufinden, wer von den Vermissten tatsächlich entführt wurde.

 

Ich finde ein Video.

Es handelt sich um einen 12-jährigen Jungen.

Ich schaue es mir an.

Ich kann nicht atmen.

Mein Herz stürzt ab.

Das Video zeigt die Entführung von Erez Kalderon. Dadurch erfahren wir, dass seine Schwester Sahar (17 Jahre alt) und ihr Vater Ofer bei ihm waren.

 

An Tag 5 ruft mein Freund Moshe an.

Moshe stammt aus dem Kibbuz Nahal Oz.

Er glaubt, dass sein Freund entführt wurde.

Er leitet Fotos von ein paar Familien weiter, die auf dem Boden sitzen, umgeben von Terroristen.

Unter ihnen seine Freunde Tsachi Idan und Omri Miran.

Einige der Personen auf dem Foto flüchten. Andere werden ermordet.

Tsachi wird aus dem sicheren Raum seines Hauses nach Gaza gebracht, nachdem die Terroristen seine Tochter erschossen haben. Sie nehmen ihn mit, über ihren Körper, um zu den Tunneln in Gaza zu gehen.

 

Familie Brodetz ist als nächstes dran. Eine Mutter und 3 Kinder und ein 3-jähriges Kind mit ihnen, Avigail, dessen Eltern vor ihren Augen ermordet wurden.

Die Beweise für die Entführung sind nur unvollständig, aber wir kämpfen für ihren Status als Entführte, alle 5 von ihnen.

Der Vater ist der erste, der ein Zelt vor dem nationalen Stützpunkt in Tel Aviv aufbaut.

"Ich werde nicht weggehen, bis ihr mir meine Familie zurückbringt", sagt er.

 

Tag 49

Die ersten Deals werden gemacht.

Einige kehren zurück.

Im Zentrum zerbricht unser Herz in unzählige Stücke.

 

Familie Brodetz kehrt zurück.

Sie sind wieder vereint, alle 5.

Das 3-jährige Waisenkind Avigail kehrt mit ihnen zurück.

 

An einem anderen Abend kehren der 12-jährige Erez und seine 17-jährige Schwester Sahar in die Arme ihrer Mutter zurück.

Ihr Vater Ofer ist immer noch dort.

 

Seine Cousine Yifat protestiert täglich vor dem nationalen Stützpunkt. Wir sind bei ihr.

 

Tsachi Idan, der noch nicht die Gelegenheit hatte, seine Tochter mit seinen Lieben zu betrauern, ist immer noch dort. In einem Protestzelt des Kibbuz sitzt seine Mutter. Sie hofft auf seine Rückkehr, trauert um den Mord an ihrer Enkelin.

Die Zeit steht still.

 

Wir protestieren täglich, mit der Mutter des Soldaten Matan Zangauker, die wie eine Löwin kämpft und von Tag zu Tag dünner wird, mit dem Vater der Soldatin Liri Elbag, der sich darüber im Klaren ist, dass er sie zurückbekommen wird, auch wenn es das Letzte ist, was er tut.

 

Die Familie von Arbel und Dolev Yahud steht an unserer Seite. Sie haben schon sehr lange kein Lebenszeichen mehr erhalten.

Und doch müssen sie daran glauben.

WIR müssen glauben.

 

Ein Land mit gebrochenem Herzen ist das, was übrig bleibt.

Sie sterben von Tag zu Tag. Manche werden ermordet, manche durch Fehler, die im Krieg passieren.

Jeden Tag werden es weniger.

Wir wissen jetzt, dass die Hälfte nicht mehr am Leben ist.

Aber wir werden weitermachen, denn es hätte jeder von uns sein können.

Wenn es ihnen passiert ist, ist es uns passiert.

Jede Familie weiß, dass wir für sie da sind und dass wir auch weiterhin da sein werden.

 

Sie sind nicht allein.

Nicht die Entführten und nicht die Familien.

 

Wir sind eins mit ihrem Schicksal.

Es gibt kein Israel, wenn sie nicht zurückkehren.

 

Auch wenn es nur ein paar Dutzend sind, die lebend zurückkehren.

 

Jeder Mensch ist eine ganze Welt, bedeutet eine ganze Welt.

Bitte senden Sie Energie in ihre Richtung. Sie brauchen es.

Bitte senden Sie Energie in unsere Richtung. Wir brauchen sie.

 

Vielen Dank Oded


Statement Oded Ronen, Tel Aviv im Februar 2025

 

80 Jahre nach der Deportation der Juden aus Plauen stehen wir erneut vor einer der schwersten Zeiten für die jüdische Nation und ihre Gemeinden im Ausland. Der 7. Oktober hat uns gezeigt, dass wir immer auf der Hut sein müssen. Das ist die Natur des Lebens als Jude in der Diaspora und auch die Realität des jüdischen Staates. Der Holocaust-Charakter des 7. Oktober hat die nachdenklichsten Bemühungen um Solidarität hervorgerufen, die wiederum den Druck aufrechterhalten haben, alle entführten Menschen nach Hause zu bringen. Dies ist das Ergebnis des jüngsten Abkommens, und jede Rückkehr beweist, wie wertvoll jede Seele ist. Wir werden weiterhin auf den Straßen für die Freilassung jeder Geisel protestieren, denn alle Menschen verdienen Freiheit. Die Unterstützung, die uns von den Gemeinden im Ausland entgegengebracht wurde, war in diesen dunkelsten Zeiten ein großer Trost. Wir spüren das und danken Ihnen von ganzem Herzen.  Unser Ziel als Volk ist es, uns auch weiterhin für ein Zusammenleben in der Region einzusetzen, denn nur so können wir uns und unseren Nachbarn eine Zukunft aufbauen, die kein Blutvergießen mit sich bringt.


Statement Oded Ronen, Tel Aviv im Mai 2026

 

Hallo, mein Name ist Oded Ronen.

Ich bin Choreograf mit Sitz in Tel Aviv, arbeite mit Tanzkompanien auf der ganzen Welt und mit jüdischen Gemeinden. Ich bin außerdem gesellschaftlich engagiert, tief verbunden mit den grundlegendsten Werten des Judentums, und einer der führenden Menschen in der zivilen Bewegung, die sich für die Rückkehr der Geiseln nach Hause einsetzt.

 

Wenn wir über Antisemitismus sprechen, sprechen wir über etwas Furchtbares. Antisemitismus bedeutet, sich gegen ein bestimmtes Volk, gegen eine bestimmte menschliche Gruppe zu wenden, nur weil sie ist, wer sie ist. Das jüdische Volk kennt dies seit sehr langer Zeit: über zweitausend Jahre Exil, über Generationen von Verfolgung hinweg, und natürlich durch das unvorstellbare Grauen des Holocaust, in dem dieser Hass seine extremste Form erreichte.

 

In den letzten Jahren haben wir auf der ganzen Welt einen erschreckenden Anstieg des Antisemitismus gesehen. Im November habe ich einen Workshop gegeben und vor der wunderbaren jüdischen Gemeinde von Sydney im Bondi Beach Pavilion getanzt. An genau diesem Ort wurden weniger als einen Monat später fünfzehn Menschen aus dieser Gemeinde ermordet. Wir müssen alles tun, was wir können, um dazu beizutragen, Antisemitismus aus der Welt zu entfernen. Und aus diesem Grund möchte ich zu der tiefsten Quelle zurückkehren, die wir haben: zu den Werten des Judentums selbst.

 

Die Tora sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

 

Das bedeutet, dass der Mensch, der vor mir steht, vielleicht nicht aussieht wie ich, nicht spricht wie ich oder nicht von demselben Ort kommt wie ich. Und dennoch wurde dieser Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Und weil er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde, ist seine Würde heilig. Dies ist der Mensch, den ich sehen, respektieren und mit Fürsorge behandeln soll.

 

Das Judentum lehrt uns auch: „Suche Frieden und jage ihm nach.“

 

Frieden zu suchen bedeutet, der Welt mit einem ehrlichen Wunsch nach Heilung, Verbindung und Leben zu begegnen. Ihm nachzujagen bedeutet, dass es auch dann, wenn dies nicht leicht kommt, auch wenn es weit entfernt scheint, auch wenn es fast unmöglich wirkt, weiterhin unsere Aufgabe ist, danach zu suchen, daran zu bauen und einen Weg dorthin zu finden.

 

Manche Menschen versuchen, diesen Satz so zu deuten, als bedeute er, dass wir gegen andere kämpfen müssen, um für uns selbst Frieden zu schaffen. Das ist keine ehrliche Lesart des Textes. Der Satz enthält zwei Handlungen: Frieden suchen und ihm nachjagen. Wenn er nah ist, suche ihn. Wenn er fern ist, jage ihm nach. Immer wieder: Finde den Weg, der zum Leben führt.

 

Das Judentum versteht auch, dass es Momente gibt, in denen eine wirkliche Gefahr für das Leben besteht, und in solchen Momenten müssen wir alles tun, um Leben zu schützen. Leben zu retten ist heilig. Und dennoch wird die tiefere Richtung der Tora in einem Satz beschrieben, der uns zweimal auffordert, uns dem Frieden zuzuwenden: wenn es einfach ist, und wenn es komplex ist. Das Ziel ist nicht, für immer in Gefahr, Angst und Hass zu bleiben, sondern eine Wirklichkeit aufzubauen, in der solche Momente immer weniger notwendig werden.

 

Es gibt zwei weitere jüdische Gedanken, die tief mit diesem Thema verbunden sind: „zwischen einem Menschen und seinem Mitmenschen“ und „zwischen einem Menschen und Gott“.

 

„Zwischen einem Menschen und seinem Mitmenschen“ ist die horizontale Ebene: Fürsorge, Verantwortung, gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Es ist das Wissen, dass ich da sein werde, wenn ein anderer Mensch mich braucht, und dass andere für mich da sein werden, wenn ich sie brauche.

 

„Zwischen einem Menschen und Gott“ ist die vertikale Ebene: die Linie, die uns mit der göttlichen Gegenwart über uns, unter uns und in uns verbindet.

 

Wenn wir Verantwortung für beide Ebenen übernehmen, für die horizontale und die vertikale, beginnt Liebe überall zu existieren. Die göttliche Gegenwart kann sich zwischen uns und dem anderen bewegen, zwischen uns und uns selbst, und zwischen uns und Gott. So wird Heilung ganz: nicht nur als Idee, sondern als lebendige Verbindung, die durch das menschliche Leben geht.

 

2019 kam ich nach Deutschland, nach Plauen, um ein Tanzstück mit dem Titel Glashäuser zu schaffen, ein Werk über Wurzeln. Die Tatsache, dass Mitglieder meiner eigenen Familie von dort nach Auschwitz deportiert wurden, gab mir die Möglichkeit, mich zu fragen, welche tiefere Geschichte ich erzählen wollte.

 

Die tiefere Geschichte war, dass wir nicht für immer in den historischen Rollen bleiben müssen, die einmal existierten. Viele Generationen sind vergangen. Heute können wir fragen, wo Deutsche und Israelis einander jetzt begegnen können, rund um die Werte, die wir für unsere Zukunft aufbauen wollen.

 

Wir können wählen, uns an einem Ort zu begegnen, der nicht nur durch den Spiegel der Vergangenheit definiert ist, sondern durch die Welt, die wir gemeinsam erschaffen wollen. Eine Welt, die auf gemeinsamen Werten gebaut ist. Eine Welt, in der die alten Rollen uns nicht mehr definieren. Eine Welt, in der uns etwas Tieferes definiert: die Fähigkeit, den anderen zu sehen und dem anderen zu erlauben, uns zu sehen. Denn wir alle wurden von Gott geschaffen.

 

Wie also helfen wir Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt? Wie helfen wir dem Volk Israel angesichts des Antisemitismus und der Wellen von Antisemitismus, die wir an so vielen Orten sehen?

 

Die Antwort ist eine.

 

Wir erfüllen das, was die Tora von uns verlangt, auf die klarste Weise. Und jedes Mal, wenn wir gefragt werden, was unsere Werte sind, kehren wir zu ihnen zurück. Das sind unsere Werte: unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst, Frieden zu suchen und ihm nachzujagen, zu heilen, was zwischen einem Menschen und seinem Mitmenschen geschieht, und zu heilen, was zwischen der Menschheit und Gott geschieht.

 

Antisemitismus ist auf Hass gebaut. Und wenn Hass immer wieder einer klaren und lebendigen Kraft von Liebe, Fürsorge, Würde und Verantwortung begegnet, kann er nicht auf dieselbe Weise weiterbestehen.

 

Am Anfang sehen wir das vielleicht nur in bestimmten Momenten, in bestimmten Gemeinden, in bestimmten Handlungen von Mut und Heilung. Aber wenn wir alle daran teilnehmen, wenn wir alle zu den tiefsten Werten des Judentums zurückkehren und sie klar leben, dann wird Antisemitismus langsam, mit der Zeit, seinen Boden verlieren.

 

Und eines Tages wird er vollständig aus der Welt verschwinden.

 

Danke, dass ihr mich in eure Herzen einschließt, obwohl ich euch aus solcher Entfernung schreibe.